Ein Dorffest mit vegetarisch-indischem Büffet
Vom l8.-20. August fand in der kleinen Aargauer Gemeinde Mellikon ein Gesundheitsfest statt.
Seit ein paar Jahren wies das Melliker
Gemeinde-Budget jährlich 2000 Franken für
Gesundheits-Prävention aus, doch konkret wurde der Betrag nie
verwendet. Zwei aktive Frauen kamen deshalb letztes Jahr auf die
Idee, diesen ungenutzten Betrag für das Jahr 2000 auf Fr.
6000.– aufzustocken und ein grösseres Projekt zu
verwirklichen. Daraus entstand das Melliker Gesundheitsfest mit dem
Luftibus der Lungenliga, Ständen der an Gesundheit
interessierten Vereine und Gewerbebetriebe aus der Gegend und einem
Rahmenprogramm, bei dem für den Samstagabend auch ein gesundes
Essen geplant war.
In diesem Stadium wurden meine Frau Vreni und ich beigezogen.
In einem so kleinen Dorf (280 Einwohner) hat sich’s schnell
einmal herumgesprochen, dass bei der jährlichen Grippewelle die
Forster’s genau so kneifen, wie bei den regelmässigen
Grillanlässen, weil allgemein bekannt ist, dass die beiden
vegetarisch leben und man oft genug schon hören musste:
«Tiere sind unsere Freunde. Wenn Ihr unsere Freunde grilliert,
ist das für uns alles andere als ein Grund zum mitfeiern.»
Nur schon die Aussicht darauf, einen ganzen Abend den Grillgeruch
einatmen zu müssen, wenn in der Nachbarschaft grilliert wird,
veranlasst uns, auf die Fahrräder zu steigen und wegzufahren.
Auch das Angebot: Wir können Euch auch einen Vegi-Burger
bereiten, kann uns nicht verleiten, eine Einladung anzunehmen, denn
wenn die Vegi-Burger neben den Fleischstücken schmoren, und auch
noch mit der gleichen Grillzange angefasst werden, sind sie gleichsam
verheiratet, haben sich gegenseitig ihr Fett angespritzt und sind
für Vegetarier schlechthin unzumutbar.
In der Frage gesundes Festessen
erhofften sich die Organisatoren hingegen Impulse von uns, und wir
brachten unsere Ideen ein. Grosses Salatbüffet,
Spaghetti-Plausch mit verschiedenen Saucen, Gemüse-Grilladen,
Pilz-Risotto wurden von verschiedenen Seiten vorgeschlagen und wieder
fallengelassen. Beim Vorschlag «Indisches Büffet»
mit vielen verschiedenen Speisen in völlig fremdartiger
Zubereitung war die Zustimmung da. Bedenken, ob denn indisch nicht zu
scharf sei, konnten entschärft werden.
Wir wurden gefragt, ob wir bereit seien, so etwas an die Hand zu
nehmen, und sagten zu, es zumindest zu versuchen, denn schliesslich
hatten wir beide erst Erfahrung mit Lagerküche bis zu 25
Personen. Die indische Küche selbst hatten wir vor 25 Jahren bei
einem sechsmonatigen Aufenthalt in Pakistan, Indien, und Nepal
kennengelernt. Seither kochen wir häufig indisch und laden auch
mal nichtvegetarische Bekannte zu einem solchen Nachtessen ein. Die
indische Küche ist nämlich so verschieden von der
Schweizerischen, dass die Gäste kommen, staunen und geniessen
und gar nicht erst zu vergleichen beginnen wie bei der Schweizer
Küche: Die Bohnen sind gut, aber mit Speck wären sie noch
besser, die Polenta ist fein, aber der Käse fehlt schon ein
bisschen usw. Nein, ein indisches Festessen birgt ein Feuerwerk an
Geschmacksempfindungen, an Entdeckungen und Genüssen. Mit
Ausnahme von Leuten, die betont milde Kost vorziehen, haben wir noch
niemanden kennen gelernt, dem eine indische Mahlzeit nicht geschmeckt
hätte.
Nun gings auf die Suche nach weiteren Köchen. Matthias Meier,
mit dem ich schon zusammen gekocht und zweimal einen indischen
Kochplausch organisiert hatte, war sofort dabei. Seine Freundin
Sandra, welche die indische Küche ebenfalls kennt, und von
Matthias als gute Köchin empfohlen wurde, war auch bereit
mitzumachen. So wurde das Projekt zu viert in Angriff genommen.
Matthias, der seine Militärzeit grösstenteils in der
Küche verbracht hatte und am meisten Erfahrung mit grossen
Kochmengen mitbrachte, fand, mit vier Leuten in zwei Küchen
sollte die Sache eigentlich zu schaffen sein, und je weniger Leute in
der Küche herumstehen desto besser.
Ein Augenschein bei einem Festmobiliar-Vermieter für Pfannen und
Warmhalte-Geräte brachte die bittere Erkenntnis, dass mit
schweizerischem Festzubehör keine indische Ambiance zu erreichen
war, aber eine Miete ein happiges Loch in unser Budget risse. Ein
Aufruf für Schüsseln und Rechaud-Kerzen-Plattenwärmer
im Gemeindeblatt brachte hingegen genug brauchbare
Warmhaltegeräte und Wasserkrüge zusammen. Wasser ist
nämlich das ideale Getränk zu einem indischen Büffet
und sollte an jedem Tisch unbeschränkt verfügbar sein.
Am Donnerstag begannen die
ersten Koch-Vorbereitungen. Aus zehn Kilo Weizenmehl wurde das
Weizeneiweiss für ein Seitan-Geschnetzeltes ausgewaschen,
tausende von kleinen Stückchen gezupft und in einem
würzigen Sud gegart. Am Freitagmorgen war Grosseinkauf und
anschliessend wurde in zwei Küchen gekocht bis Mitternacht.
Freitagabend war Festeröffnung mit Apero und Theater. Aus der
Küche duftete es würzig indisch, und viele Leute wurden auf
den Samstag eingestimmt. Trotzdem waren wir im Ungewissen. Folgen die
Leute einem Aufruf im Festführer und auf den Plakaten:
«Samstag grosses vegetarisch-indisches Buffet à
Discretion für 20 Franken soviel Sie mögen, Kinder noch
günstiger»?
Am Samstag kochten wir weiter. Abends um sechs war alles bereit: 12
Hauptspeisen, verschiedene Snacks und Zutaten auf Platten und in
Schüsseln, reich garniert mit indischen Küchenutensilien
und Schnickschnack. Die Tische schön dekoriert und mit
tierfreiem Kerzenlicht. Wir hatten unsere Kocherei auf hundert
Personen ausgelegt – obschon unseres Wissens in unserem Dorf
noch nie über 80 an einem Festessen dabei waren. Ob die Leute
wohl kommen werden?
Und sie kamen, standen Schlange und liessen sich’s schmecken,
schöpften nach und nochmals nach und waren begeistert. Zwei von
uns wärmten laufend Nachschub oder fritierten Snacks, zwei waren
am Schöpfen von sechs bis halb neun Uhr. Dann nahm der Ansturm
aufs Buffet allmählich ab. Gut hundert Gäste genossen es
und bekamen zum Abschluss einen indischen Tee.
Wenn wir nun geglaubt hatten, damit sei unser Auftritt beendet, war
dem nicht so. Die Leute kamen in die Küche, bedankten sich
persönlich für das feine Essen, es hagelte nur so
Komplimente von phantastisch bis sagenhaft, das müsst ihr wieder
mal machen, sowas gabs in unserem Dorf noch nie und vieles mehr.
Noch Tage später äusserten sich Leute, sie hätten
befürchtet, dass ihnen das scharfe Essen vielleicht schlecht
bekomme, aber sie hätten sich nachher so leicht und beschwingt
gefühlt. Zum einen dürfte das wohl auf das empfohlene
Wasser als Essensbegleiter zurückzuführen sein, zum andern
auf die rund vierzig Gewürze und Kräuter, die verwendeten
Frischprodukte, was im Klartext heisst: Keine Konservierungsmittel,
künstliche Aromen und Farbstoffe. Dies dürfte zum
ungewohnten Wohlbefinden nach dem Festschmaus beigetragen haben.
Was aber ausser den vier Kochenden niemand wusste und erst heute
publik wird. Das ganze Essen und Trinken war rein pflanzlich (vegan),
denn als Tierfreunde war es uns ein Anliegen, unsere Gäste
möglichst ohne Tierleid zu verköstigen. Sogar der indische
Milchtee war mit Hilfe von Soja Cream, Kokosmilch und Palmzucker
bereitet.
Von den verschiedenen Speisen möchten erfahrungsgemäss
manche Leute wissen, wie sie zubereitet wurden und Rezepte nach Hause
nehmen. Deshalb legten wir eine Rezeptsammlung auf, die gegen zehn
70er Marken auf Wunsch auch nach auswärts verschickt wird. Damit
konnten sich alle Teilnehmer im Anschluss an die Tafelfreuden selbst
in indischer Kochkunst versuchen.
Die Aufgabe war zwar anstrengend gewesen aber hatte enorm Spass
bereitet. Kein einziger Gast hatte sich uns gegenüber als
Vegetarier bekannt. Aber alle schienen das Essen genossen zu haben
und waren um die Erfahrung reicher, dass vegetarische (eigentlich
vegane) Kost sehr abwechslungsreich sein kann. Unter den Gästen
waren auch ein ehemaliges Metzger- und ein Schweinemäster-Paar
auszumachen, Leute also, die man nicht unbedingt an einem
vegetarischen Büffet erwartet – oder am Ende doch?
Fredy Forster, Holgasse 20, 5465 Mellikon, Tel. 056/243 14 70.
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
