Weniger Fleisch essen ist gesund

Für die Gesundheit ist es «nötig, jeden Tag Fleisch zu essen», schrieb das Bundesamt für Gesundheit BAG kürzlich in seinem Bulletin. In der nächsten Nummer folgte das «Korrigendum»: Natürlich sei ein tägliches Fleischmenu «nicht nötig». Ob es ein Freudscher Fehler war? Jedenfalls hat es das BAG noch nie gewagt, den viel zu grossen Fleischkonsum anzuprangern. Ebenso hat es den viel zu grossen Konsum von Milchfett in Form von Butter und Rahm noch nie scharf kritisiert.
So schweigen die BAG-Verantwortlichen regelmässig, wenn ihre
Kollegen vom Bundesamt für Landwirtschaft mit gewaltigen
Subventionen und Informationskampagnen den Butter-, Rahm- und
Fleischkonsum anheizen. Ähnlich jetzt in Frankreich: Wegen der
dortigen BSE-Fälle ist der Fleischabsatz kurzfristig um einen
Drittel gesunken. Dennoch schliessen sich die Behörden dem
Gejammer an, anstatt den Franzosen zu sagen, dass weniger Fleisch
essen ja gesund ist.
Dass Fleischverzicht wohltuend sein kann, haben Länder rings ums
Mittelmeer längst bewiesen. Die dortige Bevölkerung isst
viel weniger Fleisch und viel weniger tierische Fette wie Butter,
Kochbutter oder Rahm. Dafür geniessen die Südländer
viele frische Gemüse und Früchte und verwenden kalt
gepresstes Olivenöl und andere pflanzliche Fette wie Nuss- oder
Sonnenblumenöl. Ein bis zwei Gläser Wein pro Tag runden
ihre Mahlzeiten ab. Fleisch sowie tierische Fette wie Butter oder
Rahm haben in der traditionellen Mittelmeer-Kost nur einen geringen
Anteil.
Der Erfolg ist erstaunlich: Obwohl sie massiv weniger für
Ärzte, Spitäler oder Medikamente ausgeben als wir, ist die
Lebenserwartung von 15-jährigen Griechen, Portugiesen oder
Albanern fast gleich hoch wie die Lebenserwartung der
15-jährigen Schweizer.
Die klassische Mittelmeer-Ernährung kann zum Beispiel
verhindern, dass sich bösartige Geschwüre entwickeln und
ausbrechen. Bei uns sind rund ein Drittel aller Krebserkrankungen
ernährungsbedingt. Das haben neuste Analysen von
Gesundheitsdaten bestätigt. Und wer bereits einen Herzinfarkt
erlitten hat, kann das Risiko eines zweiten Infarkts dank
Mittelmeer-Kost um 60 Prozent verringern. Das ergab ein Praxis-Test
in Frankreich. Fazit: Was wir essen, kann wichtiger sein, als welche
Pillen wir schlucken.
Urs P. Gasche
Editorial von Puls-Tipp Nr. 12, Dezember 2000.
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