Übergrasung führt zu enormen Umweltschäden
Englische Experten halten unkontrollierte Schafzucht für den Verursacher von Flutkatastrophen
Als das Wasser in einigen englischen Gebieten seinen höchsten
Stand seit Jahrhunderten erreicht hatte, brachten Zeitungen Fotos von
Schafen, die sich im Wohnzimmer eines Bauernhauses dicht aneinander
drängten: Opfer der Überschwemmung – und auch deren
Verursacher? Intensive Schafzucht ist nun als Urheber der
dramatischen Fluten in Verdacht geraten, welche britische Städte
von York bis Shrewsbury in den letzten Wochen heimsuchten.
Ann Sansom, eine Boden-Expertin, sagt:
«Wir haben uns bis jetzt auf die Flüsse konzentriert, aber
diese Fluten finden an Land ihren eigentlichen Ursprung.»
Sie glaubt, dass die Moore nicht mehr wie bisher als riesige
Schwämme funktionieren können, weil sie durch einen enormen
Anstieg in der Schafzucht ruiniert wurden: In den 1860ern betrug die
Zahl der Schafe in England ungefähr acht Millionen, während
des Krieges zwölf und heute wegen der EU Subventionen mehr als
vierzig Millionen.
Sansom und andere Experten sagen, dass das lockere Hochland nicht
mehr als eineinhalb dieser Tiere pro Hektar verkraften kann,
tatsächlich gehalten werden aber in einigen Gebieten sieben, und
zwar ganzjährig. Der Boden kann sich also nicht mehr erholen!
Eine Untersuchung hat ergeben, dass der Druck vieler Paarhufer die
Oberflächen versiegelt, sodass schliesslich nur noch die oberste
Schicht durchfeuchtet werden kann – darunter herrscht
Trockenheit. Wenn dann auch noch die Vegetation durch
Übergrasung vernichtet wird, führt diese schädliche
Kombination zu einem immer schnelleren Ablaufen des Wassers
talwärts: eine doppelte Fliessgeschwindigkeit vervierfacht die
erosive Kraft und erhöht den Transport von Sedimenten sogar auf
das Vierundsechzigfache. So entstehen tödliche Springfluten,
durch die immer mehr Erde in die Flüsse gewaschen wird und
dadurch die Fischwelt gefährdet und die Wasserreservoire
verstopft werden.
«Die Menschen müssen verstehen, dass Veränderungen
stromaufwärts zwangsläufig zu Auswirkungen
flussabwärts führen», sagt Sansom und warnt sogar vor
Versteppung des Hochlandes, hervorgerufen durch ausufernde
Tierhaltung.
Die amerikanische Regierung hat nach verheerenden Staubstürmen
in den 30er Jahren Konsequenzen gezogen und weiträumige Gebiete
gesperrt, um Übergrasung und die ihnen folgenden dramatischen
Konsequenzen für Mensch und Umwelt zu verhindern.
Herma Brockmann
Quelle: The Guardian, 15. Nov. 2000
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
