Editorial zu Vegi-Info 1/2001
Ist die Landwirtschaft noch lernfähig?
Liebe Leserin, lieber Leser
Die Welle von Skandalen in der Fleischindustrie nimmt kein Ende: Nach BSE (das noch lange nicht ausgestanden ist) kam der Antibiotikaskandal in der österreichischen Schweinemast (deren Fleisch auch auf Schweizer Tellern landete) und nun die Massentiervernichtungen auf brennenden Scheiterhaufen in England wegen der Maul- und Klauenseuche.
Hat dies alles wenigstens ein Umdenken bei allen Beteiligten gebracht? Leider nein. Der EU-Agrarkommissar Fischler hatte zwar ein relativ gutes 7-Punkte-Programm für einen minimalen Wandel in der Agrarindustrie vorbereitet (von den zusätzlichen Massenschlachtungen zur Marktentlastung abgesehen), davon wurde aber kein einziger Punkt bei der EU-Konferenz vom 26. Februar umgesetzt. Sogar Agrarministerin Künast der Grünen Partei Deutschlands wehrte sich aus rein wirtschaftlichen Gründen vehement gegen eine Beschränkung der Subventionen auf die ersten 90 Rinder eines Betriebes und setzte sich damit für die Massentierhalter ein. Dennoch spricht sie sich (wie die anderen Politiker) bei jeder Gelegenheit für eine Wende in der Landwirtschaft aus. Gleichzeitig gab es eine grosse Demonstration vor dem EU-Gebäude mit Strassenblockaden der Bauern, die noch mehr Subventionen forderten (die EU gibt bereits mehr als die Hälfte aller Gelder für die Landwirtschaft aus!).
Und in der Schweiz? Schon seit Jahren hört man aus den
verantwortlichen Kreisen, dass die Landwirtschaftspolitik reformiert
werden soll. Schon viel Papier wurde mit solchen Vorhaben bedruckt.
Und die Taten? Die Bundesämter und der Bundesrat wollen dieses
Jahr weitere 7 Millionen Franken für die Stützung des
Schweizer Fleischmarktes ausgeben. Damit die Bevölkerung wieder
mehr Fleisch konsumiert, werden zusätzlich weitere 2 Millionen
Franken in eine Werbekampagne investiert, bei der sogar das Bundesamt
für Gesundheit mitmacht. Die gesundheitlichen Nachteile des
Fleischkonsums werden dabei einfach ignoriert, die Wirtschaft hat
Vorrang.
Und die Nahrungsmittel-Industrie? Ist wenigstens dort ein Aufbruch
auszumachen, um das Vertrauen der Konsumenten wieder
zurückzugewinnen? Leider nicht: In der Schweiz und in
Deutschland wurden letzten Herbst die grössten
Nahrungsmittel-Produzenten und -Verteiler kontaktiert und ihnen das
Europäische Vegetarismus-Label
zur Kennzeichnung vegetarischer Produkte angeboten. Nur ganz wenige
haben darauf positiv reagiert, die allermeisten möchten nach wie
vor keine unabhängige Kontrolle ihrer Deklaration und ihrer
Produktionsmethoden.
Was bleibt den Konsumenten angesichts dieser Situation übrig?
Selbständig denken – selbständig handeln –
kritisch konsumieren.
Wer die ganzen Machenschaften der Fleischindustrie nicht noch
zusätzlich finanziell unterstützen möchte, wird sich
nach diesen Überlegungen mit Sicherheit ethisch verantwortbarer,
gesünder und ökologischer ernähren, indem er auf das
Essen von Tieren verzichtet.
Renato Pichler
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008© Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus (SVV) | www.vegetarismus.ch | Impressum
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