Leer gefischter Atlantik
Das Problem der Überfischung ist schon seit vielen Jahren
bekannt. Es gab genug Warnungen und Aufforderungen zur nachhaltigen
Bewirtschaftung der Meere, die jedoch bis jetzt zu keinem Ergebnis
geführt haben.
| «Die Flottenüberkapazität ist für viele
Probleme verantwortlich, mit denen der Sektor heute zu kämpfen
hat. Eine aktive Politik zur Begrenzung der Fangkapazitäten und
des Fischereiaufwands ist deshalb unverzichtbar.»
Dr. Franz Fischler |
Schon im September 2000 sagte Dr. Franz Fischler, Mitglied der
Europäischen Kommission zuständig für Landwirtschaft,
ländliche Entwicklung und Fischerei, dass der Fischereisektor
sich in einer Krise befindet: «Wenn es uns … nicht
gelingt, die Gemeinsame Fischereipolitik (GFP) im Interesse der
Gesellschaft im Allgemeinen und des Fischereisektors im Besonderen zu
reformieren, werden wir in eine ‹Fischereisklerose›
geraten, und die ersten Leidtragenden dieser Untätigkeit werden
unsere Fischer sein.»
Dem ist zu widersprechen! Die ersten Leidtragenden menschlicher
Rücksichtslosigkeit sind nach wie vor die Tiere: sterile
Korallenriffe, deren einstige lebendige Farbenpracht nur noch auf
Filmen bewundert werden kann, der vom Aussterben bedrohte Kabeljau
(man erinnere sich an die Kabeljau-Kriege zwischen England und
Island!), eine Rekordzahl verhungerter Pinguine auf den Falklands und
hochgradig mit Quecksilber verseuchte Meeressäuger (japanische
Wissenschaftler stellten kürzlich fest, dass in einigen Proben
die Konzentration des giftigen Schwermetalls den internationalen
Grenzwert um das 5000fache überstieg und ein Verzehr zu akuten
Vergiftungen führen kann. Der Schaden für die Wale selbst
scheint nicht untersuchenswert).
Die Meere sind krank! Und alle in ihnen lebenden Tiere sind nicht nur
von den durch Menschenhand verursachten Verunreinigungen bedroht,
sondern vor allem, und zwar nicht nur als Individuen, sondern auch
als Spezies, durch einen zügellosen Fischfang. Durch den
menschlichen Zugriff auf immer kleinere Fische lässt sich
mittlerweile der für eine erfolgreiche Vermehrung benötigte
Bestand an ausgewachsenen Tieren nicht mehr halten. Die Meere leeren
sich!
Die Situation ist kritisch: Im Vergleich mit 1902 kann heute nur noch
etwa ein Sechstel der damaligen Biomasse der Meere registriert
werden, und ausserdem sind (laut Feststellung vom International
Council for the Exploration of the Seas [ICES]) in den letzten 25
Jahren die Bestände an ausgewachsenen Fischen in
EU-Gewässern um 90% zurückgegangen.
Wir sind also mit der paradoxen Situation konfrontiert, dass immer
mehr Fischereiboote sich um die verbliebenen zehn Prozent
ausgewachsener Fische streiten. Dieser Teufelskreis ist genauso wohl
bekannt, wie er schwer zu kontrollieren ist. Immer wieder verhindern
nationale Egoismen alle Reformprojekte und zerschlagen damit die
Aussicht auf eine nachhaltigere Strategie.
Der Fischfang wird fortschreitend mühsamer. Immer längere
Fahrten müssen zum Aufspüren von Schwärmen unternommen
werden – wenn sie denn überhaupt noch zu finden sind.
Sogar in den einst so fischreichen Gewässern um England herrscht
zunehmende Leere, und so ist die Wahrscheinlichkeit mittlerweile sehr
hoch, dass der Kunde beim Verzehr des Nationalgerichts «Fish
& Chips» eingeführtes Fischfleisch serviert bekommt.
Diese Importe stellen aber keinesfalls eine Lösung dar, im
Gegenteil: Sie exportieren nur das Problem in andere Regionen.
Im Rahmen einer kürzlich in Boston vorgestellten Studie war die
Lage im gesamten Nordatlantik (Kanada, USA, Europa) untersucht
worden. Das Ergebnis erschreckte selbst die Wissenschaftler:
«Wir haben festgestellt, dass die Situation viel schlimmer als
vermutet ist», sagte der Projektleiter, Dr. Daniel Pauly von
der Universität von Britisch-Kolumbien, Kanada.
Wenn Kommissar Fischler also angesichts einer solch dramatischen
Notlage in den europäischen Gewässern entschlossen auf
einer Flottenreduzierung von 40% besteht, klingt dieses Vorhaben
logisch und vernünftig. Es wird auch von vielen Regierungen
unterstützt. Nur sind die Verantwortlichen in Spanien,
Frankreich, Portugal, Italien und Griechenland mit den geplanten
Massnahmen alles andere als einverstanden. Sie wehren sich nicht nur
gegen den Abbau von Flottenkapazität, sondern auch gegen
verstärkte Kontrollen und die Regelung von
artenübergreifenden Fangquoten. Besonders gereizt sind diese
Reformgegner jedoch wegen der vorgesehenen Streichungen von
Subventionen in Höhe von 460 Millionen Euro, die eigentlich
über die nächsten vier Jahre für den Bau und die
Instandsetzung von Fischereibooten vorgesehen waren.
Wenn auch Fischler, wie er bei jeder Gelegenheit klar zu verstehen
gibt, keine grundlegende Änderung seiner Strategie beabsichtigt,
so hofft er doch auf einen Kompromiss. Dabei könnte vielleicht
der Vorschlag hilfreich sein, die nicht für Subventionen
ausgegebenen finanziellen Mittel zur Entwicklung von beruflichen
Alternativen für Fischer einzusetzen, von denen viele ihre
Existenzgrundlage bereits verloren haben. Trotzdem sind aber die
Aussichten auf eine zufrieden stellende Übereinkunft nicht
gerade glänzend, denn ausgerechnet Spanien hat den
gegenwärtigen EU-Vorsitz inne und muss daher die Rolle des
Vermittlers in dieser Auseinandersetzung wahrnehmen ...
Aber selbst dem erbittertsten Gegner der Reformpläne müsste
die Antwort auf eine ganz einfache Frage eigentlich nicht schwer
fallen: Warum sollte man eine Fischerei-Infrastruktur
unverändert aufrecht erhalten, wenn es bald keine Fische mehr zu
fangen gibt?
Herma Caelen
Quelle: BBC
Siehe auch: Fische – das verschwiegene Leiden (aus Vegi-Info 3/1998)
Link zur Arbeitsgruppe zum Schutz der Meeressäuger Schweiz
(ASMS)
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