Umweltschützer geschockt:
Urwaldzerstörung am Amazonas stieg sprunghaft an.
Fleischkonsum trägt Hauptschuld
Im Juni 2003 wurde bekannt: Die
Abholzung des weltweit grössten Urwaldes hat um 40% zugenommen.
Haben die Umweltschutzorganisationen versagt? Obwohl immer wieder
gefordert wurde, dass man die Abholzung sofort stoppen sollte, weil
jeder vernichtete Urwaldquadratmeter nie mehr rückgängig zu
machen sei, konnte der real existierende Umweltschutz nicht
verhindern, dass genau das Gegenteil eingetreten ist. Wie konnte es
so weit kommen? Welche Gründe gibt es dafür?
Viele aktive Tierschützer mussten lernen, dass das Geld die
Handlungen der Menschen mehr steuert als die ethischen Argumente.
| 242 Millionen Tonnen Fleisch wurden 2002 weltweit
produziert
Obwohl in der Schweiz in den letzten Jahren der Fleischkonsum zurückgegangen ist (aber noch immer sehr hoch ist im Gegensatz zu ärmeren Ländern), stieg der weltweite Fleischkonsum weiter an. Er hat sich seit 1997 noch einmal verdoppelt. Dadurch vergrösserte sich nicht nur die Fleischnachfrage, sondern auch die Nachfrage nach Sojabohnen als Futtermittel auf dem Weltmarkt entsprechend. |
Zwei Beispiele:
– Trotz jahrelanger Proteste werden nach wie vor Tiere durch
ganz Europa (und darüber hinaus) unter qualvollen Bedingungen
transportiert. Die Exportsubventionen der EU für den
Lebendtierexport und die Käufer des Fleisches dieser Tiere
machen es möglich.
– Trotz jahrelanger Lippenbekenntnisse der meisten Menschen
gegen Tierfabriken wird auch heute noch der grösste Teil des
Fleisches nicht in idyllischen Bauernhöfen (wie in der Werbung
vorgegaukelt), sondern in engen Tierfabriken «produziert».
Der Griff nach dem jeweils günstigsten Fleisch im Geschäft
macht es möglich. Würde solches Fleisch nicht mehr gekauft
werden, gäbe es innert kürzester Zeit keine Tierfabriken
mehr.
Und was hat dies mit dem brasilianischen Urwald zu
tun?
Niemand vernichtet einen Urwald nur so zum Spass (dazu wäre es
wahrlich auch zu aufwändig). Im Jahre 2001 wurde immerhin eine
Urwaldfläche, die fast so gross wie ganz Haiti ist,
zerstört. Es muss also immer ein Grund dahinter zu finden sein.
Wo also liegen die Gründe?
Auch hier geht es ums Geld: Wie kann man innert kurzer Zeit
möglichst viel Geld aus dem Boden holen. Der grösste Teil
der Abholzung fand statt, um auf dem billigen Land entweder
Weideflächen für die Fleischproduktion zu erhalten oder um
Soja als günstiges Tierfutter anzupflanzen. In wenigen Jahren
könnte dadurch Brasilien durch die (meist illegale) Vernichtung
des Regenwaldes zum grössten Sojaproduzenten der Welt aufsteigen
(momentan liegen die USA an der Spitze).
So wird die «Lunge der Erde» langsam in Schlachttierfutter
und Weideflächen umgewandelt.
Durch diese Nutzung wird die dünne Humusschicht des Urwaldbodens
innert kürzester Zeit ausgelaugt und der Boden zur praktisch
unfruchtbaren Steppe gemacht.
Es wird trotz grosser Anstrengungen der brasilianischen Regierung
auch in Zukunft unmöglich bleiben, den heute noch riesigen
Urwald vor weiterer Zerstörung zu schützen. Was bleibt sind
Satellitenbilder, welche die (Brand-)Rodungen dokumentieren, aber
nicht verhindern können.
Gibt es also gar keine Möglichkeit, dies aufzuhalten? Ist das
Gebiet, in dem 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten dieser Welt
beheimatet sind, unwiederbringlich und unaufhaltsam dem Untergang
geweiht?
Wenn es bei verbalen Protesten und Kundgebungen bleibt, leider ja.
Die Vergangenheit zeigte es: Weder Protestkundgebungen noch
Kontrollen vor Ort können eine radikale Umkehr im Umgang mit dem
Urwald bewirken. Solange man mit der Zerstörung des Urwaldes
Geld verdienen kann, wird es weitergehen. Also gibt es nur eins: Den
Geldhahn zudrehen!
Wie soll das gehen? Sicher nicht, indem man eine Demo veranstaltet
und von den Politikern fordert, sie sollten aktiv werden (die
Vergangenheit beweist, dass es nicht in deren Macht steht, dieses
Verbrechen an der Umwelt zu stoppen). Auch wenn es angenehm ist,
für den Urwald zu demonstrieren oder Geld zu spenden, um sich
dann zurückzulehnen und weiterleben zu können wie bisher:
Die Einzigen, die etwas ändern können, sind wir selber! Das
kann uns keine Regierung und keine Umweltschutzorganisation abnehmen.
Der Geldhahn wird durch unser Konsumverhalten gespeist. Solange es
Leute gibt, die Mahagoniholz kaufen, werden diese Urwaldriesen
gefällt. Solange es Leute gibt, die Fleisch essen, wird der
Urwald durch Sojafelder und Weideflächen ersetzt. Wenn nicht
jeder Einzelne bei sich mit der Änderung beginnt, wird sich kein
Fleischproduzent um die Proteste gegen die Zerstörung des
Urwaldes kümmern. Weshalb sollte er auch?
Schliesslich erfährt er tagtäglich an seinen Umsatzzahlen,
dass die Leute zwar etwas verkünden, aber etwas anderes tun.
Renato Pichler
Quellen:
– Amazon Destruction Jumps, Shocks Environmentalists. Reuters,
26. Juni 2003
– Here’s the Beef! The World’s Consuming More Meat.
Worldwatch Institute Press,
Juli 2003
– Meat Production and Consumption Grow. Vital Signs 2003,
Seiten 30–31
