Wölfe, die unerwünschte Jagdkonkurrenz
Die meisten der amerikanischen Wölfe leben in Alaska, und zwar
zwischen 7000 bis 9000 Tiere. Da die Jagd auf sie fast überall
in diesem Bundesstaat erlaubt ist, wurden in den letzten fünf
Jahren ungefähr 7500 von ihnen erschossen oder durch Fallen
getötet. Offensichtlich reicht diese Beute immer noch nicht aus,
denn Gouverneur Frank Murkowski gab nun auch noch die Bejagung aus
der Luft frei, obwohl Bürger zweimal gegen diesen Plan gestimmt
hatten, nämlich 1996 und 2000.
Überall in der Welt protestierten empörte
Tierschützer. Immer neue Petitionen rollten lawinenartig durch
das Internet und zeigten, wie heftig wieder einmal die Interessen der
hoffnungslos zerstrittenen Nachbarn Mensch/Wolf aufeinander prallten.
Diese Raubtiere, auf deren Speiseplan sogar Grossmütter stehen
sollen, waren wohl noch nie Freunde der Menschen.
Aber wer ist er wirklich, der Graue Wolf, canis lupus, von den
Eskimos wohlklingend «Amaguk» genannt? Wie ein
mächtiger Hund sieht er aus in einer Farbskala, die in allen
Abstufungen von Schneeweiss bis Tiefschwarz reicht. Massive Kiefer
mit langen Fangzähnen erlauben dem früher überall auf
der Welt verbreitet gewesenen Räuber das erfolgreiche Reissen
von Beute, die sogar erheblich grösser sein kann als er selbst.
Wölfe sind extrem anpassungsfähig und haben sich in der
Hitze von Wüsten wie auch in arktischer Kälte angesiedelt.
Die Sinne der Fleisch- und Aasfresser sind optimal für eine
erfolgreiche Jagd entwickelt: Sie sehen und hören sehr gut und
die Geruchsfähigkeit ist hundertmal besser ausgeprägt als
unsere eigene.
Tatsächlich zeichnet der «böse» Wolf sich durch
ein sehr soziales Verhalten in seiner Lebensgemeinschaft aus, ohne
deren solidarischen Schutz er nicht gedeihen kann. Im allgemeinen
Interesse ist es wichtig, dass jeder mit jedem eine tragfähige
Verbindung herstellen und einen besonders stark ausgeprägten
Gruppendruck verkraften kann.
Denn in einer Wolfsgruppe herrscht Ordnung! Je ein starker weiblicher
und männlicher Chef, das so genannte Alpha-Paar, hat das
alleinige Recht zur Fortpflanzung und geht mit eisernem Biss gegen
alle Anzeichen von Disziplinlosigkeit im Rudel vor, das aus einer
Mittelklasse (erwachsene, sich nicht vermehrende Tiere, von denen
jedes seinen persönlichen Rang hat) bis zum Bodensatz der
«Unberührbaren» besteht.
Komplexe Mechanismen steuern die stumme (Körpersprache, Ohr- und
Schwanzbewegungen, Augenkontakt und Abstand) wie auch die stimmliche
Kommunikation (Jaulen, Bellen, Winseln, Knurren und Ächzen).
Eine besondere Rolle spielt natürlich das Heulen, ein klagender
Ausdruck, der normalerweise von einem Tier angestimmt wird und,
nachdem alle anderen eingefallen sind, bis zu 85 Sekunden dauern
kann. Schwanzwedeln und allgemeine Aufregung stellen sich ein bei
diesen Heul-Happenings, die jederzeit und in verschiedenen Frequenzen
stattfinden können, abhängig von den Jahreszeiten.
Der positive Einfluss der Wölfe auf die regionale Artenvielfalt
und ein funktionierendes, ausgewogenes Ökosystem ist immer
wieder bestätigt worden. Normalerweise reissen sie nur kranke
und alte Beutetiere, und die übrig gebliebenen Reste bieten
allen Aasfressern, auch Grizzly-Bären, einen ganzjährig
verfügbaren Nahrungsvorrat (mit den Raben ist eine besondere
Symbiose entwickelt worden: für diesen Fast-Food-Service bieten
die wachsamen Vögel ihren Gastgebern ein zuverlässiges
Alarmsystem). Ausserdem stellen Wölfe zweifellos eine Attraktion
für Touristen dar, wie man im Yellowstone National Park
feststellen konnte.
Alle Anstrengungen waren umsonst. Die Jagd hat im letzten Dezember
begonnen. Mit Hubschraubern werden die Rudel so lange getrieben, bis
die Tiere erschöpft im Schnee zusammenbrechen und dann bequem
erschossen werden können. Durch diese Dezimierungen sollen die
Elch- und Rentierbestände anwachsen: für die Jagdindustrie.
Am 13. März 2004 meldete die New York Times, dass
über eine Fläche von 52000 Quadratkilometern nun Wölfe
ungehindert getötet werden dürfen von Privatpersonen, die
noch zusätzlich dazu ermuntert werden durch eine Erhöhung
der Abschussquoten von 10 Wölfen pro Jahr auf 10 Tiere pro Tag.
Es wird vermutet, dass eine derart dramatische Verringerung der
Wolfsrudel nichts anderes bedeuten kann als den Beginn einer
Ausrottungskampagne.
Herma Brockmann
Weitere Informationen:
- Jagd (Vegi-Info 2006/3)
- Bekenntnis eines ehemaligen Jägers (Interview im Vegi-Info 2006/3)
- Canned hunts = Abknallen in umzäunten Gehegen (Vegi-Info 2003/3)
- Die Jägerlogik: Argumente und Lügen
- Konzepte zur Natur ohne Jagd
- Buch-Tipp: Von der Jagd und den Jägern. Bruder Tier und sein Recht zu leben, 2006, Autor ist ein Biologe und Ex-Jäger.
[Vegi-Info 2004/1 Inhaltsverzeichnis]
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