Editorial: Ist der Kunde noch König?
Liebe Leserinnen und Leser
In den letzten Jahren hat sich das Image der Vegetarier stark verändert.
Von einer exotischen Lebensweise ist die vegetarische Ernährung
zu einer allgemein anerkannten und beliebten Ernährungsweise
geworden.
Auch die Wirtschaft kann diesen Trend nicht ignorieren und stellt
sich darauf ein. Im Detailhandel und in der Gastronomie werden die
vegetarischen Kunden heute bereits ganz anders behandelt als noch vor
wenigen Jahren.
Manchmal sind es zwar erst wenig attraktive Angebote, an denen man
sieht, dass man einerseits die vegetarischen Kunden nicht
verärgern möchte, aber andererseits (noch) nicht bereit
ist, wirkliche Anstrengungen zu unternehmen, um auch diesem
Kundenkreis gerecht zu werden. Es gibt aber immer mehr Beispiele von
echtem Engagement, wie die Migros-Gastronomie beweist (siehe Artikel in diesem Heft).
Haben Sie sich auch schon einmal geärgert, dass Sie bestimmte
Produkte nicht erhalten (im Laden oder Restaurant)? Oder dass die
Deklaration für Vegetarier ungenügend ist (z.B., weil das
V-Label fehlt)?
Die allermeisten Leute verlassen dann das Geschäft bzw.
Restaurant und verzichten einfach darauf. Dies verbessert allerdings
die Situation nicht. Die Restaurants und Läden haben keinen
Selbstzweck, sondern möchten die Wünsche ihrer Kunden
zufrieden stellen.
Kaum jemand weiss, dass jede Kundenreaktion zählt. Selbst
Grosskonzerne erhalten heute kaum noch Reaktionen. Sie müssen
deshalb bei den sehr wenigen Kundenreaktionen versuchen, den Wunsch
aller Kunden herauszulesen. Auch hinter dem grössten Konzern
stehen einzelne Menschen. Deshalb gilt auch hier, dass positive
Reaktionen ebenso willkommen sind wie konstruktive Kritik. Leider
wird in der Regel alles Positive kommentarlos als
selbstverständlich hingenommen.
Es ist heute einfacher denn je, seine Meinung kundzutun: Es gibt dazu
speziell eingerichtete Telefonnummern, die Internetseiten der Firmen
oder die übliche Briefpost.
Am besten äussern Sie Ihre Wünsche, Anregungen und Ihr Lob
schriftlich (per E-Mail oder Briefpost), diese können dann an
die zuständige Person direkt weitergeleitet und archiviert
werden.
Heute leben in der Schweiz ca. 3% der Bevölkerung vegetarisch.
Wenn nur jeder tausendste sich bewusst wäre, was er mit sehr
wenig Aufwand (ein paar E-Mails oder Briefen) erreichen könnte,
würde sich die Situation der Vegetarier innert weniger Jahre enorm verbessern.
Ja, der Kunde ist auch heute noch König, nur weiss er es nicht mehr.
Renato Pichler
Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Vegetarismus
[Vegi-Info 2004/2 Inhaltsverzeichnis]
© Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus (SVV) | www.vegetarismus.ch | Impressum
Tweet