Tierische Dünger
Heute gibt es kaum Gemüse, welches ohne tierischen Dünger angebaut wurde. Zumindest die Fäkalien der so genannten «Schlachttiere», Mist und Gülle, werden heute auf fast jedes Feld gekippt. Ein wichtiger Grund sind die bodenunabhängigen Tierfabriken. In solchen Grossställen werden so viele Tiere gehalten, dass deren Exkremente ein Entsorgungsproblem darstellen. Ausserdem werden z.B. die Schweine kaum in freier Natur gehalten, wo (bei genügend Auslauf) die Exkremente sich problemlos verteilen würden.
Obwohl rund die Hälfte
des in der Schweiz konsumierten Fleisches von Schweinen stammt und
die Schweiz fast ihren gesamten Bedarf im Inland produziert, sieht
man kaum Schweine in der Natur. Deshalb müssen die Fäkalien
aus den Ställen irgendwo entsorgt werden. Am einfachsten geht
dies, wenn man sie als Dünger auf Landwirtschaftsflächen
verteilt.
Sobald man in einem Supermarkt einkauft, kann man sicher sein, dass
das Gemüse auch mit tierischen Stoffen angebaut wurde. Leider
bietet hier auch der Bioanbau keine Alternative. Auch
Bioverbände erlauben noch heute nebst den tierischen
Fäkalien Hornmehl, Haar- und Federabfälle ihrer
geschlachteten Tiere als Düngemittel für ihre Felder. Die
meisten Verbände in der EU haben jedoch Blutmehl und Knochenmehl
wegen der BSE-Problematik heute verboten. In der Schweiz waren diese
Schlachtprodukte noch lange im Gemüseanbau im Einsatz.
In der Bio-Suisse-Richtlinie (Knospe) vom 1. Januar 2001 steht dazu
unter zugelassene Düngung und Bodenverbesserung (Anhang 1
Abschnitt 2):
Produkte und Nebenprodukte tierischen Ursprungs wie Horn-, Blut-, Knochenmehl, Haar- und Federabfälle.
Dies wurde dank BSE und den darauf folgenden neuen
Gesetzen1 geändert. Neu (Richtlinie vom 1.1.2004)
sind Blut- und Knochenmehl nicht mehr erlaubt.
Wie selbstverständlich mit den Fäkalien der Nutztiere
gedüngt wird, zeigt sich in der Wortwahl: Sogar in den
Bio-Suisse-Richtlinien werden Rinder als
Düngergrossvieheinheiten bezeichnet.
Veganer und viele Vegetarier lehnen solche tierische
Düngepraktiken ab. Doch leider gibt es erst wenige Bauern,
welche die Vorteile einer rein pflanzlichen Düngung erkannt
haben. Solche Produkte sind deshalb heute noch kaum
erhältlich.2
Was sind die Probleme bei der Fäkaliendüngung?
Es gibt mehrere Problembereiche, welche die heutige Praxis der tierischen Düngung aufwirft:
Überdüngung
Die Menge an tierischen Exkrementen, die durch die Fleisch-, Milch-
und Eierproduktion anfällt, ist höher, als der Boden
verkraften kann. Eine geringe Menge an tierischem Dünger, den es
automatisch gibt, wenn Tiere auf einer Wiese weiden, ergibt kein
Problem der Überdüngung. Doch heute ist die Regel eher,
dass man vor allem Schweine und Hühner dauernd in Ställen
hält und den anfallenden Kot und Urin dann irgendwo anders
«entsorgen» muss. Dies führt dazu, dass manche
Gebiete zu viel abbekommen und ein Teil der Inhaltsstoffe direkt ins
Grundwasser vordringen kann.
Unter anderem sieht man dies z.B. am Sempachersee, der nur durch
künstliche Belüftung noch nicht ganz an diesen
Fäkalien der umliegenden Schweinemästereien erstickt ist.
Auch die Pflanzenwelt wird durch diese Überdüngung negativ
beeinflusst. Die Artenvielfalt nimmt dadurch ab.
Antibiotika
Immer bekannter wird, dass durch den hohen Einsatz von Antibiotika
die damit bekämpften Bakterien immer resistenter werden. Deshalb
geht man dazu über, diese zurückhaltender einzusetzen.
Obwohl Antibiotika in der Tierhaltung als Leistungsförderer
verboten wurden, wird nach wie vor rund die Hälfte der
Antibiotika in der Tierhaltung eingesetzt3 (die andere
Hälfte in Spitälern usw.).
Ein mit Antibiotika behandeltes Tier darf nicht unmittelbar danach
geschlachtet werden, da sonst das Fleisch zu viel
Antibiotikarückstände enthalten würde. Doch was mit
den verabreichten Antibiotika im tierischen Körper während
dieser Zeit passiert, wurde bisher zu wenig beachtet: Innert Stunden
wird ein Grossteil dieser Medikamente über Kot und Urin
ausgeschieden und gelangt so in die Umwelt. Der oben erwähnte
Sempachersee enthält deshalb auch höhere
Antibiotikakonzentrationen.4
Diese weite Verbreitung der Antibiotika in der Umwelt durch die
Tierhaltung stellt ein grosses, noch nicht genau erforschtes
Gefahrenpotential dar: Entstehen dadurch neue resistente
Krankheitserreger? Was für einen Einfluss hat dies auf die damit
angebauten Gemüse, Früchte oder auch Futtermittel?
Bodenleben
Der natürliche Boden ist voller Leben: Unzählige
Mikroorganismen, Würmer, Käfer, Ameisen und viele mehr
leben auf oder in ihm. Die Auswirkungen der Verbreitung der
Medikamente aus der Tierhaltung auf diesen Boden wurden bisher noch
kaum erforscht. Als sicher kann jedoch gelten, dass Antibiotika
(welche ja dazu geschaffen wurden, Leben zu zerstören:
Anti-Bio-tika) das Leben im Boden nicht gerade fördern.
Bakterien sind die dominierende Gruppe von Mikroorganismen im Boden.
Schätzungen gehen von 106 bis 109 Bakterien pro Gramm Boden
aus.5 Gerade diese werden durch Antibiotika besonders in
Mitleidenschaft gezogen.
Zudem fördert die grosse Menge der Fäkalien diejenigen
Lebewesen, welche sehr viel Stickstoff benötigen/wünschen
und behindert alle anderen. Dadurch kann das Leben im Boden aus dem
natürlichen Gleichgewicht geraten. Die Vielfalt des Lebens wird
damit nicht nur über der Erde, sondern auch im Boden selbst
gefährdet.
Bauern, welche seit vielen Jahren ihren Boden nicht mehr mit
Fäkalien belasten, haben die Erfahrung gemacht, dass ihr
pflanzlich bewirtschafteter Boden offenbar weniger
«Schädlinge» anzieht. Dies könnte einerseits
mit der Abwesenheit des Gestanks zu tun haben, aber andererseits auch
mit der möglicherweise grösseren Vielfalt der
nützlichen Bodenlebewesen.6
Mythos und Sachzwänge
Die tierische Düngung in der Landwirtschaft zu hinterfragen wird
oft bereits als etwas Ketzerisches angesehen. Man glaubte bisher
immer, dass man durch diese Düngung einen optimalen
natürlichen Nährstoffkreislauf hätte: Man
verfüttert das Gras an die Tiere, mit deren Exkrementen man
zuvor die Wiese gedüngt hat. Diese idyllische Vorstellung hat
sich heute bestenfalls noch auf Biohöfen erhalten können.
Doch selbst dort tauchen einige der oben beschriebenen Nachteile auf.
Für die Fleischproduzenten ist es aber absolut notwendig, diesen
Mythos des natürlichen Kreislaufes aufrechtzuerhalten. Gäbe
es nicht die Möglichkeit, die tierischen Fäkalien aus den
Tierfabriken auf die landwirtschaftlichen Nutzflächen
auszubringen, würden die Tierhalter vor einem
Katastrophenszenario stehen. Es gibt also einen Sachzwang, der es
verbietet, diese Praktik zu hinterfragen.
Der Güllegestank ist aus der heutigen Landwirtschaft kaum mehr
wegzudenken.
Schlussfolgerung
Obwohl die Düngung mit tierischen Fäkalien und anderen
tierischen Produkten nicht begrüsst wird, werden die damit
erzeugten Nahrungsmittel von Vegetariern und den meisten Veganern
nicht grundsätzlich abgelehnt. Dies liegt sicher nicht zuletzt
daran, dass es sehr schwierig wäre, gänzlich auf alle so
produzierten Nahrungsmittel zu verzichten.
Interessant ist, dass Personen, welche einen Teil ihres Gemüses
von Bauern beziehen können, welche rein pflanzlich wirtschaften,
davon berichten, dass diese Produkte wesentlich geschmackvoller sind
als die anderen. Dies könnte man dadurch erklären, dass sie
weniger überdüngt werden. Wodurch sie mehr Zeit haben zu
wachsen.
Solange es sehr kompliziert (oder teuer) ist, sich ausschliesslich
von rein pflanzlich angebauten Produkten zu ernähren, werden die
meisten Vegetarier und Veganer sicher auch weiterhin in dieser
Hinsicht Kompromisse eingehen (müssen). Für die Bauern
liegt hier ein Markt brach, der heute noch kaum bearbeitet wird.
Als erster Schritt zu einer umweltschonenderen, naturgemässeren
Landwirtschaft wäre eine Diskussion zum Thema tierische
Düngemittel zu begrüssen.
Renato Pichler
Fussnoten:
- www.admin.ch/ch/d/sr/916_171_1/app6.html
- Eine Ausnahme bildet in der Schweiz der «Bliib Gsund»-Natur-Versand mit seinem Online-Shop: www.bliib-gsund-versand.ch und in Deutschland: www.lebegesund.de
- Vegi-Info 2004/2: 90% der Schweizer Kälber erhalten Antibiotika.
- Neue Zürcher Zeitung, Forschung und Technik, 28.2.2001: Antibiotika allüberall
- www.bvl.bund.de/pflanzenschutz/FolSerie/BeglText6.pdf
- Vegi-Info 1997/1: Landwirtschaft ohne Tierleid
[Vegi-Info 2004/4 Inhaltsverzeichnis]
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
