Editorial: Was heisst konsequent vegetarisch leben?
Liebe Leserinnen und Leser
Nichtvegetariern mag es manchmal etwas sonderbar vorkommen, wenn
Vegetarier nicht nur sichtbares Fleisch ablehnen, sondern auch
Schlachtnebenprodukte, wie z.B. Gelatine in Süssgebäck oder
Joghurts.
Ist es nicht ökologisch sinnvoll, wenn man alle Teile des Tieres
verwertet? Entweder indem man sie Nahrungsmitteln beimischt oder in
der Bekleidungsindustrie als Rohstoff benutzt? Was spricht also gegen
eine solche «ökologische» Verwertung aller Teile der
so genannten Schlachttiere?
Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, weshalb jemand kein
Fleisch isst: Für den religiös begründeten
Vegetarismus ist es klar: Egal in welcher Form das (Schweine-)Fleisch
daherkommt, es wird immer abgelehnt. Auch wenn es sich nur um kleine
Mengen handelt.
Wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen kein Fleisch isst, ist
es auch nahe liegend, die eher minderwertigeren Schlachtnebenprodukte
(Gelatine, tierische Fette, Innereien) nicht zu konsumieren.
Aus tierschützerischer und ökologischer Sicht ist es etwas komplizierter:
Ziel ist es bei beiden, möglichst wenige Tiere zu züchten
und zu töten. Wie kann man also am effektivsten dafür
sorgen, dass künftig immer weniger «Schlachttiere»
gezüchtet werden? Die wirkungsvollste Methode ist, dass man dies
finanziell unattraktiv macht: Sobald es sich finanziell nicht mehr
lohnt, Tiere zu züchten und zu schlachten, wird es immer weniger
Personen geben, die dies tun.
Wenn man z.B. eine Lederjacke kauft, erhöht man den
Schlachterlös genauso, wie wenn man Gelatineprodukte einkauft.
Auch wenn ein Tier hauptsächlich wegen seines Fleisches
geschlachtet wird, hat der Erlös der Schlachtnebenprodukte einen
direkten Einfluss darauf, wie viele Tiere geschlachtet werden:
Können die Schlachtnebenprodukte dank grosser Nachfrage teuer
verkauft werden, anstatt sie teuer entsorgen zu müssen,
reduziert sich der Fleischpreis. Könnte man ausser dem
eigentlichen Fleisch nichts verkaufen, würde das Fleisch so
teuer werden, dass der Fleischkonsum und somit die Schlachtzahlen
deutlich zurückgehen würden.
Deshalb ist es wichtig, immer darauf zu achten, dass man als
Vegetarier auch nicht indirekt Tierfabriken und Schlachthöfe mit
seinem Geld unterstützt.
Ich wünsche allen Lesern ein besinnliches, frohes Fest!
Renato Pichler
Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Vegetarismus
[Vegi-Info 2004/4 Inhaltsverzeichnis]
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 9.12.2008
