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Der Weg zum Vegetarier ist ein Weg der Übung
Die moderne Psychologie will uns auf verschiedenen Wegen weismachen, dass wir nur durch Gespräche und Einsichten unsere Probleme lösen können, und dass dann unser Leben blitzartig glücklicher und einfacher wird. Von geduldiger, gewissenhafter und fleissiger Übung wurde schon lange nichts mehr geredet, weil zu mühsam und langweilig. Fast-Food auch in der Psychologie!
Auch das Wort Askese oder Asketik findet man nur noch in der
hintersten Schublade. Unter Askese verstand man ursprünglich die
Übung zur Erlangung der Meisterschaft in einer Sache. Asketik
betrachtet die Askese aus philosophischer Sicht und ist sozusagen die
moralische Gymnastik. Sie richtet sich jedoch nicht wie die Moral
nach Sittengesetzen, sondern nach der Zweckmässigkeit und
Wirksamkeit für eine vollkommene Realisierung. Es geht darum,
unsere Sinne fürs Gute zu beleben und zu stärken durch
Übungen.
Ein zeitgenössischer deutscher Philosoph, Wilhelm Schmid, meint
zum Thema Lebenskunst, dass man sich immer wieder fragen muss: Ist
das richtig, was ich mache? Wichtig ist die bewusste Wahl. Unser
Leben besteht aus einem Überangebot an verlockenden
Möglichkeiten, die wir gar nicht alle realisieren können.
Oft ist es schmerzlich, von zehn Möglichkeiten eine zu
wählen und neun fallen zu lassen. Ich muss mich also im Verzicht
üben, bis ich gewohnheitsmässig verzichten kann.
Eine der Übungen auf dem Weg zu mehr Lebenskunst ist zum
Beispiel, sich frei zu entscheiden fürs Fasten und zu Wandern.
Wir verzichten dabei erstens auf das Essen und zweitens auf
Transportmittel.
Die Erfahrung, die wir beim Fasten-Wandern machen, ist, dass wir nach
einer Woche, während der wir nur trinken, unser Essen wieder
viel mehr schätzen und geniessen und es in der Folge besser und
sorgfältiger auswählen.
Welcher Tierfreund hätte nicht schon im stillen Kämmerlein
ernsthaft gedacht: Eigentlich sollte ich kein Fleisch mehr
anrühren, ich dürfte auch keine Milch trinken und keine
Eier essen, wenn ich es ganz genau nehme mit meinem Gewissen, und
wenn ich in Einklang mit meinen Gefühlen sein möchte. Die
Einsicht steht klar da, doch der Wille dazu...
Es gäbe viel mehr Vegetarier auf der Welt, wenn sie
wüssten, wie sie den Anfang in fleischloser Ernährung
schaffen könnten.
Eine grosse Hilfe auf dem Weg zum Vegetarismus ist das Fasten
Bereits nach einer Woche ohne feste Nahrung erleben wir eine
geistige und körperliche Verwandlung. Wir werden
entschlussfreudiger und unsere Sinne werden geschärft. Das
heisst, was früher normalerweise als salzig oder süss
empfunden wurde, wirkt nach dem Fasten viel zu süss oder viel zu
scharf. Wir sind also sozusagen beim Nullpunkt unserer
Geschmacks-Einstellungen und Gewohnheiten angelangt. Dies ist die
beste Gelegenheit, neue Wege zu gehen: Kaffee-Trinker schaffen es
sogar, morgens in Schwung zu kommen mit einem Glas Kräuter-Tee.
Eingefleischte Alles-Esser sind zufrieden mit köstlichem
Gemüse, Salaten, Getreide, Kartoffeln und entdecken, dass das
Fruchtfleisch das beste Fleisch ist.
In den Fasten-Wander-Gruppen hat es
schätzungsweise fünfzig Prozent Vegetarier. Doch wenn wir
ihre Lebensgeschichte betrachten, so sehen wir, dass sie nicht
über Nacht Vegetarier geworden sind. Einige wenige waren von
Geburt an und familiär bedingt reine Pflanzenköstler. Die
meisten anderen Vegetarier haben eine lange Geschichte der
Entwicklung hinter sich. Oft sind es Krankheiten und Allergien, die
zum Verzicht auf Fleisch zwingen. Doch was geschieht, wenn man
jemandem etwas gegen seinen Willen wegnimmt? Es entsteht ein Manko,
das auf dem schnellsten Weg wieder wettgemacht werden will. Oft
treffen wir auf diesem erzwungenen Wege die sogenannten
Pudding-Vegetarier. Sie essen zwar kein Fleisch, haben aber nach der
Mahlzeit, die für sie tatsächlich unvollständig ist,
noch Gluscht oder gar Hunger. Sie greifen zu Süssigkeiten. Die
Folge davon ist, dass sie eine neue Mangelkrankheit schaffen. Denn
Zucker ist ein Vitamin- und Mineralstoff-Räuber. Diese
Vegetarier sind für uns keine Vorbilder, denn sie fühlen
sich benachteiligt und werden es auch bleiben. Die echten Vegetarier
haben viele Stufen der Entwicklung und Übung hinter sich. Aus
einer Biografie kann ich erzählen:
Als
Mädchen, das gutbürgerlich mit viel Fleisch aufgewachsen
ist, hatte sie eine Begegnung mit der Schweine- und Kälbermast
in den sechziger Jahren. Die Bilder vom Leid der Tiere haben der
sensiblen Frau den Schlaf geraubt. Sie ass nie mehr Schweine- und
Kalbfleisch. Das war der erste Schritt. Weitere folgten: Schliesslich
sind Fische auch Tiere, und auch sie haben ein Empfinden – also
auch keinen Fisch mehr! Dann kam die Beschäftigung mit der
Ernährungslehre. Man kann nicht nur wegnehmen, man soll ja auch
wieder etwas Geeignetes finden als Ergänzung. Es folgte die
Erkenntnis, dass uns auch die Pflanzen sehr bekömmliches Eiweiss
liefern. Eine Neuorientierung im Bereich Kochen war ein weiterer
Schritt. Mit dem Essen ist Geselligkeit verbunden. Ein neuer
Freundeskreis tat sich auf. Sie lernte weiter... Sie kam
fasten-wandern und erzählte mir ihre Geschichte. Übrigens:
die Frau sieht mit ihren über fünfzig Jahren kerngesund aus
und sie ist (isst) es auch. Auf dem Weg zum Vegetarismus sind viele
Stufen eingebaut. Wir nehmen sie – nur zur Übung –
und kommen weiter. Fasten und Wandern kann eine erste Stufe sein. In
den Fasten-Wander-Wochen mit Regi gibt es auch Anleitung für
eine vegetarische Kost mit viel rohem Gemüse und Obst. Um im
Heimreisegepäck nicht nur Theorie und gute Vorsätze
mitzunehmen, gibt es am letzten Abend vor der Abreise ein
Rohgemüse-Buffet mit rein vegetarischen (veganen) Saucen, die
herrlich schmecken. Die Rezepte werden jeweils eifrig mitgeschrieben.
Viele Gäste erleben das erste Mal, dass man Spargel roh essen
kann und dass man für eine schmackhafte Sauce weder Butter,
Quark noch Eier braucht. Unvergesslich für viele Teilnehmer wird
auch die frische Farben- und Formenpracht des Gemüsebuffets
bleiben. Was bleibt im Leben, sind immer die eigenen Erlebnisse. Auf
die kann man aufbauen. Und was geübt und durchgestanden ist,
macht uns stärker und bringt uns weiter. Wen wunderts, dass etwa
die Hälfte bis zwei Drittel der Teilnehmer in Regis
Fasten-Wander-Gruppen Wiederholungstäter sind?
Regi Brugger
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