Polizeiwachtmeisterin im Dienste der Tiere
Einer der Vorträge, die den Vegetarier-Kongress in Widnau prägten, wurde
von Wachtmeisterin Sherry Schlueter gehalten, die aus Florida
angereist war, um ihre Tierschutzarbeit bei der Polizei
vorzustellen.
Die Polizei bietet eher schlechte Berufsaussichten für jemanden,
der sein Leben dem Tierschutz widmen möchte. Dieses Ziel
visierte jedoch Sherry Schlueter vor mehr als 20 Jahren an, als sie
sich für eine Polizeilaufbahn entschloss mit dem festen
Vorhaben, eine Untersuchungseinheit gegen die an Tieren begangenen
Verbrechen zu gründen. Nachdem sie während ihrer Jugend
sieben Jahre lang für den amerikanischen Tierschutz im
Aufsichtsdienst mitgearbeitet hatte, fühlte sie sich sehr
frustriert, weil sie als solches Aufsichtsmitglied keinerlei
Autorität hatte, um der Gewalt an den Tieren, mit der sie
konfrontiert wurde, ein Ende zu setzen.
Obwohl, bestätigt Sherry Schlueter, die Tierschutzgesetze in den
Vereinigten Staaten gut sind und genügen sollten, Verbrechen an
den Tieren zu bestrafen, werden diese Gesetze nicht befolgt, denn
weder die Polizei noch die Richter sind motiviert, diese anzuwenden.
Die einzige Lösung war also der Eintritt in die Polizei, um das
System zu ändern. Damit das Thema der Gewalt an Tieren als
seriös empfunden wurde, überzeugte Sherry Schlueter den
damaligen Sheriff, eine Untersuchungseinheit auf die Beine zu
stellen, welche nicht nur gegen die Verbrechen an den Tieren
einschreitet, sondern auch gegen die schlechte Behandlung von
Kindern, Behinderten und alten Menschen. Mit anderen Worten: Ein
Dienst für die Verteidigung der Schwächsten sollte
aufgebaut werden. Die Idee einer gemeinsamen Einheit für all
diese Missstände war, den Zusammenhang zwischen Gewalt an Tieren
und Menschen aufzuzeigen.
«Ein Opfer ist ein Opfer, und ein Folterer ist ein
Folterer, ob das Opfer nun Flügel, Pfoten, Beine, Federn hat
oder alt beziehungsweise jung ist.»
Sherry Schlueters Arbeit bestand also darin, die Verbindung der
verschiedenen Gewaltakten bekanntzumachen, besonders im Herzen der
Familie. Im Zyklus der Gewalt in der Familie, so beteuert Sherry
Schlueter, ist – oft vergessen – das erste Opfer ein
Haustier. Noch verwundbarer ist das Opfer, wenn der Missetäter
weiss, dass Gewalttaten an Tieren nicht geahndet werden. Doch oft
bleibt es nicht beim Tier; und der Täter vergeht sich an einem
unterlegenen Menschen. Werden also Gewalttaten an Tieren streng
bestraft, so wird auch der Gewalttat an Kindern vorgebeugt.
Um dieses Prinzip zu belegen, erwähnte Sherry Schlueter eine
Studie des FBI, die seit 1970 über die Geschichte der
Serienmörder in den USA gemacht wird. Das Gemeinsame all dieser
Mörder, ausser dass sie sich an mehreren Menschen vergangen und
diese umbrachten, ist eine grausame Tat an Tieren, oft schon
während ihrer Kindheit. Auf der von Sherry Schlueter
geführten Liste finden wir zwei solche Fälle. Als erster
gilt Jeffrey Damer, der, nachdem er 17 Menschen getötet hatte,
ihre Leichen zu essen begann. Während seiner Kindheit jagte und
plagte er kleine Säugetiere, um sie dann aufzuspiessen und ihre
Leichen im Garten auszustellen. Die Nachbarn fanden dieses Verhalten
zwar etwas sonderbar, aber nicht alarmierend, und begnügten sich
mit der Aufnahme von Fotos der aufgespiessten Tiere, ohne dies der
Polizei zu melden, welche diesem Fall sowieso nicht nachgegangen
wäre. Anderer, jüngerer Fall: Andrew Cuman, Gianni Versaces
Mörder, der den Mord an fünf Menschen zugegeben hat,
betrieb als liebste Freizeitbeschäftigung die Jagd nach Krabben,
die er aus dem Wasser fischte, um ihnen dann die Augen zu verbrennen.
Sherry Schlueter fährt fort: «Wird der Zusammenhang der
Verbrechen an den Tieren und der Verbrechen an den Menschen
aufgezeigt, so können wir sogar Leute sensibilisieren, welche
sich nicht um die Tiere als Opfer kümmern. Man kann sie
überzeugen, indem man Missetaten gegenüber den Tieren
aufzeigt und darauf reagiert, besonders wenn der Täter ein Kind
ist, und diesen psychologisch betreut, damit das Risiko eines
Übergriffs auf Menschen reduziert werden kann.»
Natürlich ist sich Sherry Schlueter bewusst, dass sich die
Gewalt an Tieren nicht auf Haustiere beschränkt und sich
Missetaten an Schlachttieren ebenso empfindlich auf das Verhalten der
Menschen auswirken. Darum ist sie als langjährige Veganerin und
Rohköstlerin auch ausserhalb ihrer Arbeit sehr in der
Verbreitung des Vegetarismus und des Tierschutzes engagiert, wo sie
im Komitee mehrerer Vereinigungen aktiv mit macht.
Nach ihrem Vortrag, welcher von den Zuhörern sehr
geschätzt wurde, leider aber in der Zeit knapp war, hat Sergeant
Schlueter unsere Fragen beantwortet:
Wie funktioniert Ihre Einheit konkret?
Meine Einheit besteht aus sechs Detektiven und ich bin ihre
Leiterin. Werden wir mit einer Anzeige konfrontiert, welche eine
schlechte Behandlung eines Kindes oder Tieres betrifft, so begibt
sich ein Polizist an Ort und Stelle für einen ersten
Augenschein. Ist die Anzeige gerechtfertigt, so übernehmen meine
Inspektoren den Fall und führen eine Untersuchung
durch.
Was sind anschliessend Ihre Möglichkeiten einer
Intervention?
Wir dürfen die Schuldigen verhaften und sie verurteilen. In
Florida habe ich mitgeholfen, 1988 ein Gesetz durchzubringen, welches
kriminelle Vergehen gegenüber Tieren, inklusive
Tierquälerei oder Tötung eines Tieres, nicht mehr als
minderes Vergehen betrachtet wird, sondern als Kapitalverbrechen. So
kann der Schuldige zu einer Busse von bis zu 10 000 $ verurteilt
werden und riskiert eine Gefängnisstrafe von bis zu fünf
Jahren. Mehrere Kriminelle wurden nach diesem Gesetz verurteilt, und
die Abschreckung ist spürbar. Bis heute gibt es keinen
Rückfall.
Wie reagierten Ihre Polizeikollegen auf Ihre
Arbeit?
Anfangs war es sehr schwierig. Die Idee, sich um Tiere zu
kümmern, galt als lächerlich. Glücklicherweise habe
ich einen genug starken Charakter entgegenzuhalten. Ich erinnere mich
an den Tag, als man bei Gewalt innerhalb der Familie einschreiten
musste und ein Haustier unter den Opfern war. Per Funk gab ich den
Befehl, das Tier zu suchen. Auf anderen Frequenzen sendeten sich
sichtlich amüsierte Kollegen Meldungen in der Art eines
“Miaaau”... Aber es entwickelt sich alles. Dank dieses
Gesetzes, welches kriminelle Handlungen an Tieren strenger
verurteilt, nehmen die Polizisten die Sache ernster und sind
motivierter, die Täter zu verhaften.
Das Westschweizer Fernsehen TSR hat eine Sendung über
die polizeilichen Untersuchungen ausgestrahlt, die Zusammenhänge
zwischen Gewalt an Tieren und Gewalt an Menschen aufzeigt. Dank Ihrer
Einheit nimmt Ihre Idee ihren Lauf und die Medien sind daran
interessiert. Ich nehme an, dass Ihre Arbeit in den Vereinigten
Staaten bei den Medien auf ein Echo stösst. Hat das Ihnen
genützt?
In der Tat stösst unsere Einheit, welche vom
Gewöhnlichen abweicht, bei den Medien auf grosses Interesse. Sie
beschrieben unsere Arbeit stets auf eine positive Art. Dies erlaubte
die Bekanntmachung des Gesetzes gegen Gewalt an Tieren bei der
Bevölkerung, gewiss mit einer präventiven Wirkung. Zudem
wird so die Bevölkerung veranlasst, Übergriffe an Tieren zu
denunzieren, da sie weiss, dass ihre Beschwerde angehört und
Wirkung haben wird. Das Interesse der Medien löste bei meinen
Kollegen die Reaktion aus, dass meine Arbeit mehr respektiert
wurde.
Gibt es andere solche Einheiten in den Vereinigten
Staaten?
Im Moment noch nicht. Ich bin aber in ständigem Kontakt mit
der kalifornischen Polizei, die beabsichtigt, eine ähnliche
Einheit aufzuziehen.
Danke für dieses Interview, Sergeant Schlueter, und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.
Christina Maier
Weitere Informationen zu diesem Thema:
- PETAs Broschüre: Menschen, die Tiere quälen, belassen es selten dabei ...
- Helmut Kaplan: Färbt Grausamkeit gegenüber Tieren auf den Umgang mit Menschen ab?
- Group Looks for Link Between Animal Abuse and Domestic Violence, 21.10.2003
- Study links animal abuse, home violence
- The Romanian police has established an Animal Protection Unit, EVANA, 10.12.2009
- Tierquälerei führt zu weiteren Verbrechen, Vegi-Info 2010/3
[Vegi-Info 1999/3 Inhaltsverzeichnis]
Letzte Aktualisierung dieser angezeigten Seite: 5.4.2011
